Welche Einzelpersonen und Gruppen suchen ein Aktmodell? E-Mail

Reale Erlebnisse

Hier Auszüge aus meinen Tagesnotizen, in denen ich die interessantesten Akt-Erlebnisse schildere - vom "ersten Mal" bis zum ersten öffentlichen Auftritt. Hierzu habe ich auch einen Zeitungsbericht eingefügt. Denn natürlich ließ es sich auch die heimische Presse nicht nehmen, vorbeizuschauen und Fotos zu schießen. (Die Plauderei, die eine Reporterin mit mir geführt hat, während ich ausgestreckt auf meinem Tisch lag, war wirklich ausgesprochen nett!)

 

 

 

Nendeln, 4. November 2014

 

In der Kunstschule Liechtenstein lerne ich eine Herausforderung kennen, von der ich in meiner bisherigen „Karriere“ verschont blieb: Bewegungslos muss ich erdulden, wie sich zwei Stubenfliegen über mich hermachen, während ich flach, alle Viere weit von mir gestreckt, auf dem Boden verharre. Die beiden Plagegeister umschwirren mich hartnäckig, summen mir um meinen Kopf herum, lassen sich bald auf der Nase und bald auf den Handrücken nieder, spazieren auf Po, Rücken, Schultern herum oder machen es sich auf meinen Fußsohlen gemütlich. Der Kursleiter äußert Bedauern; die Schüler amüsieren sich. 

 

 

Schönau, 19. Mai 2014 -  Plötzlich Fotomodell

 

Montag. Zur eigentlich letzten Aktsitzung mit der mir ans Herz gewachsenen Damenrunde im Fernsehzimmer des Hau­ses des Gastes. Die Zeichnerinnen bedauern, dass ich sie verlasse. Ulrika schießt viele Erinnerungsfotos. Dadurch mo­tiviert, fragen auch einige Teilnehmerinnen mich zögerlich, ob sie mich ablichten dürfen. Als ich meine Zustimmung gebe, zücken sie ihre Kameras und fotografieren mehr, als dass sie zeichnen. (Inzwischen dürften von mir mehr Nackt- als Bekleidet-Fotos existieren). Hier habe ich wohl meine treuesten Anhänger. Eigentlich endete heute der Kurs; da es aber so schön war, vereinbaren wir, dass wir uns nächs­te Woche noch einmal versammeln – dann endgültig zum „letzten Akt“.

Freiburg, 6. Mai 2014 - Bitte nur mit Unterhose

 

Vierstündiger Einsatz in der Akademie für Kommu­nikation. Ich posiere vor fast 40 Jugendlichen, die ih­re End­prüfung im Bereich Grafik-Design absolvieren. Sie sind auf zwei Räume aufgeteilt. Im anderen Zimmer po­siert ei­­­ne Da­me; während der Halbzeit wird gewechselt. Lehrer führen schweigend Aufsicht. Da die Schü­ler zum Teil noch sehr jung sind und einige Mädchen muslimischen Glaubens, muss ich die Unterhose anbe­­hal­ten; nur die Frau, eine Farbige, steht nackt Modell. Es ist das erste Mal, dass ich nicht hüllenlos antrete. Einige Teilnehme­r/innen scheinen deswegen enttäuscht zu sein: Immer wieder höre ich, wie sie über den Slip tuscheln. Als ich bei einer Pose frage, ob ich noch irgendetwas verändern soll, ruft jemand: "Unterhose weg!"

 

Bad Rotenfels, 29./30. Dezember 2013 - Erstmals im Doppelpack

 

Ich stehe zwei Tage lang in der Akademie Schloss Rotenfels bei Gaggenau Modell. Nachdem in den ersten zwei Tagen zunächst eine Frau ganz allein posiert hatte, geselle ich mich ab dem dritten dazu. Da acht von neun Teilnehmern weiblich sind, freut sich die Gruppe über die männliche Verstärkung. Ich habe bei dieser Gelegenheit eine Premiere: Zum ersten Mal stehe ich zu zweit Modell. Heike (aus Karlsruhe, ungefähr in meinem Alter) trifft ein, als ich, noch bekleidet, auf dem Podest liege und für die erste Übung von Kopf bis Fuß in eine Decke gehüllt bin. Als man mir diese vom Körper zieht, sitzt sie auf dem Boden und startet sofort eine Plauderei. Trotzdem geht es bei dem gemeinsamen Aktstehen anfänglich ein wenig hölzern und distanziert zu: Für mich ist die Situation neu und ungewohnt.

Am selben Abend – als Heike übrigens schon fort ist – erlebe ich eine Premiere ganz anderer Art: Diesmal geht's um das „Männer-Problem“. Bislang habe ich dieses stets unter Kontrolle gehabt; selbst der Anblick der attraktiven Kollegin im Evakostüm vermochte mich nicht aus der Fassung zu bringen. Jedoch bei der letzten Übung des Seminartages ist keine Chance mehr, den Lauf der Dinge zu verhindern: Ich habe mich auf dem Podest anzukleiden, langsam und vollständig. Immer dann, wenn ein „Stop!“-Ruf ertönt, muss ich in der jeweiligen Position zwei Minuten lang regungslos ausharren, um mich so zeichnen zu lassen. Aus naheliegenden Gründen greife ich zuerst zur Unterhose. Und wie kann es anders sein: Der erste Stop-Befehl zwingt mich zum Halten genau in dem Augenblick, als ich mir soeben den Slip über das Hinterteil gezogen habe und gerade nach vorn greifen will, um auch dort alles zu verstauen. Nun müssen die Hände hinten und das Allermännlichste – deutlich zur Schau gestellt – draußen verbleiben. Das ist zu viel: Vor aller Augen richtet sich meine Mannespracht auf. Die Damen haben ihren Spaß. Sie räumen allerdings freimütig ein, dass sie kein faires Spiel gespielt haben. Eine ältere Teilnehmerin echauffiert sich: allerdings nicht über mich, sondern über die Frau, die mich in diese missliche Lage gebracht hat. Diese bittet um Verzeihung; sie hatte wohl nicht mit den Folgen gerechnet. Da aber die Gruppe es insgesamt locker nimmt, mache ich mir keinen Kopf um die Sache. Als wir diese Übung am zweiten Tag noch einmal angehen, warten freundlicherweise alle so lange, bis alles verpackt ist: "Heute darf André sich jugendfrei anziehen!"

 

 

Lörrach, 19. Dezember 2013

 

Stapflehus. Aktzeichnen. Stehende Pose. Als die Sportlehrerin mit Ulrika über meine linke Pobacke diskutiert, kichern die Mädchen.

 

 

Basel, 13. November 2013 - Inspirationen beim Nackt-Yoga

 

Die Gruppe besteht heute Abend aus sechs Personen. Sabine, die einzige Frau in der Runde, sieht wie die Sängerin Andrea Berg aus. Mein allererster Yoga-Kurs – wieder eine Premiere. Hinzu kommt: Der Kurs unterscheidet sich von den sonst üblichen dadurch, dass ihn seine Teilnehmer nackt absolvieren. In einem kleinen Raum, in dem mehrere Stühle herumstehen, streifen wir alle Klamotten vom Körper, und nur mit dem Lunghi, dem hauchdünnen, locker um unsere Hüften geschwungenen Wickeltuch, tapsen wir barfuß zum Meditationsraum. Dieser ist angenehm beheizt; gedämpftes Licht und die Aromen von Räucherstäbchen verbreiten Wohlfühlatmosphäre. Die Matten, orangefarben, liegen schon ausgerollt für uns bereit: jeweils drei vis-à-vis. Wir lassen uns auf ihnen nieder. Tobias, der Kursleiter, hockt auf der Matte rechts neben mir. Er eröffnet die Sitzung mit einer Vorstellungsrunde. Auch in Luzern und in Zürich bietet Tobias das Nackt-Yoga an. Wie sich alsbald herausstellt, sind mehrere Neulinge unter uns. Nur Sabine, die mir direkt gegenüber sitzt, sowie ein älterer Mann namens Lajos haben schon mehrere Sitzungen hinter sich.

Erwartet, doch plötzlich: die Stunde der Wahrheit. Wir legen den Lunghi ab, breiten ihn über die Matte und starten mit unseren Übungen. Die allerersten von ihnen finden im Stehen statt. Da ich mit Yoga noch gar nicht vertraut bin, tauche ich in eine ganz neue, anfangs gewöhnungsbedürftige Welt ein. Verschiedene Meditationen, die mehr oder weniger körperlich fordern; bisweilen auch heftiges Schnaufen und Stöhnen und Brummen und Prusten. Ein Vokabular, das mir größtenteils fremd ist. Ich mache, was die anderen machen. Das Ziel dieses Nackt-Yogas ist es, den Körper in einem Zustand größtmöglicher Ungezwungenheit und Natürlichkeit wahrzunehmen, das eigene Körpergefühl zu intensivieren und alle Sinne anzusprechen. Das Schwierigste: abschalten. Nicht drüber nachgrübeln, was ich da treibe und wie ich jetzt aussehe; dass ich bestimmte Partien des Körpers total exponiere, noch mehr als beim Aktzeichnen. Da jeder Teilnehmer in seine Meditationen vertieft ist und außerdem alles im Halbdunkel dämmert, muss niemand befürchten, dass andere ihm oder ihr etwas wegschauen, auch wenn es frei in den Raum baumelt oder im Takt der Bewegungen wild auf- und niederhüpft. Da manche Übungen speziell dem Beckenbereich gelten, lassen sich auch Erektionen nicht ausschließen. Trotz dieser ungewöhnlichen Rahmenbedingungen stelle ich allerdings fest, dass ich mich auf das Beste entspanne. Zum Schluss fühle ich mich erstaunlich erholt, nehme außerdem Inspirationen für das nächste Aktzeichnen mit.

 

 

Weil am Rhein, 7. November 2013 - Start mit Verspätung

  

Ulrika, chaotisch, kommt zehn Minuten zu spät – und den Schlüssel fürs Stapflehus hat sie ver­gessen. Ratlosigkeit, schließlich mehrfaches Telefonieren; dann fährt sie los und holt von irgendwo einen Ersatzschlüssel. Wir stehen vor der Tür und warten; zum Glück ist es mild wie im Frühling. Der Porträtkurs beginnt nun mit 30 Minuten Verspätung – im Grunde ein Glück, weil ich deswegen nicht ganz so lang stillhalten muss. In dem folgenden Aktkurs komme ich mit einer Sportlehrerin ins Gespräch. Sie interessiert sich für Körper und Haltungen, hat von Berufs wegen ein gutes Auge dafür.

 

 

Unterwegs, 4. November 2013 - Doppelter Einsatz

 

Doppelter Akt-Einsatz. Erst ging’s nach Freiburg, wo ich für die Volkshochschule posierte. Der Kursraum befand sich im vierten Stockwerk, mit schönem Blick über die Dächer. Der zweite Einsatz erfolgte in Schönau. Ich kurvte bei Regen und Dunkelheit über den Notschrei. Provisorische Schilder verhießen nichts Gutes: Die Durchfahrt nach Todtnau sollte gesperrt sein. Bei Muggenbrunn bog ich deswegen nach Todtnauberg ab. Dort fragte ich nach und erfuhr: Dieser Umweg war überflüssig, weil nämlich die Sperrung nur tagsüber stattfinde, bis 18 Uhr. Also brauste ich wieder zurück und erreichte nach einiger Zeit endlich Schönau. Ich war eine Viertelstunde zu spät; doch zum Glück hatte ich Ulrika schon vorgewarnt (außerdem fängt dieser Kurs niemals pünktlich an). Ich stürmte ins Fernsehzimmer, riss mir die Klamotten vom Körper und stieg aufs Podest.

 

 

26. September 2013 Privatsitzung

 

Abends hole ich Aaron vom Bahnhof ab. Er soll mich in einer Privatsitzung zeichnen. Die Bilder will ich auf der Internetseite platzieren, auf der ich bereits wel­che eingestellt habe: vier Arbeiten aus den bis­he­ri­gen Kur­sen und da­zu zwei Selbstporträts sowie ver­schie­de­ne andere Zeich­nungen eigener Feder. – Das Arbeitszim­mer dient uns als Atelier. Ich posiere im Ses­sel, auf Esstisch und Schreib­tisch sowie an der Zim­­merwand. Dies­e zum Ab­stüt­zen nut­zend, kann ich „das Repertoire er­wei­tern“ (in Kur­sen habe ich so gut wie nie ei­ne Wand zur Ver­fü­gung). Auch nutzen wir neue Mög­lich­keiten in Sachen Blick­win­kel: Indem ich mich auf die Tischkante stelle und Aa­ron vom Bo­den aus – fast senkrecht unter mir – zeichnet, er­ge­ben sich span­nende Steil­­­per­­spek­­tiven. Voller Körpereinsatz, nun auch für den Zeich­­­ner.

 

 

7. September 2013 - An einen Bekannten

 

„Vielen Dank für Ihre Aus­füh­run­gen so­wie für die mitgesendeten Texte und Skizzen. Dass Sie die mo­dernen Kommunikationsmittel abgeschafft ha­­ben, ist scha­de – Sie hätten sonst meinen mit Herzblut ge­stal­teten In­ternet-Auftritt sich anschauen können, wel­cher sich dem The­ma Aktmodell widmet. Dort bin ich auch selbst ,bei der Ar­beit‘ zu sehen (natürlich an­­o­ny­mi­­siert, also ohne Namen und ohne Gesicht). Da ich lei­der nur sel­­ten an Zeichnungen kom­me, bat ich verschiedene Kurs­­lei­­terinnen, während der Sit­zungen Fotos zu schießen. Sie mach­­ten von dieser Of­fer­te nicht ungern Gebrauch.

 

An­­­ek­do­­te aus einer Sitzung: Als die Zeit abgelaufen war, bat eine 20-jährige Teil­neh­me­rin um eine weitere Minute, da sie noch letzte Ergänzungen an­bringen müsse. Ihre Blick­­­rich­tung ließ keinen Zweifel da­r­an, um welche Details es sich han­­delte. Als die Akt­zei­chen­gruppe die Bilder be­sprach, ließ sich deutlich erkennen: Die Dame hatte ihr Au­­gen­merk tat­sächlich in erster Linie auf mein Ge­schlechts­­teil ge­rich­tet.

 

Als Schüler und Student habe ich manchmal Frauenakte ge­zeich­­­net; als Vorlage dienten mir allerdings Fotos. An mir selbst habe ich mich gelegentlich auch versucht – ebenfalls auf der Grundlage von Fotos, die ich von mir geschossen hat­­te. Auch ließ ich mich damals schon fotografieren; die Fo­­­tografen waren allerdings männlich (und, wie man sich den­ken kann, schwul). Die erste Frau, die für mich un­be­klei­­det posierte, war 1999 meine damalige Freundin. Sandra war 26 und damit zweieinhalb Jahre älter als ich. Sie sah wie ein Fo­­tomodell aus; ich knipste sie in einem Ferienhäuschen im Sau­erland auf einem hellbraunen Ziegenfell. Auch in diesem Fall fer­tig­te ich auf der Grund­la­ge einiger Fotos später Akt­zeich­nun­gen an, dabei dankbar an die schönen Tage zurückdenkend. Schließ­lich begann ich auch, Kommilitoninnen, welche sich auf meine Aushänge an der Uni ge­mel­det hatten, zu fotogra­fie­ren."

 

  

Freiburg, 6. Juni 2013 - Unterirdisch

 

Das Jugendkulturzentrum ArTik be­findet sich in ei­ner früheren Unterführung am Ende der Kaiser-Joseph-Stra­­ße und damit unweit des Siegesdenkmals. Eine unterir­di­sche Welt, die im wahrsten Sinne des Wortes etwas Sub­kul­turelles hat. Vor einem Jahr hat sich dort eine Akt­zei­chen­gruppe gegründet. Ihr Initiator ist der Medizinstudent Aa­ron. Die Sitzung findet in einem großen und ebenso kahlen wie kühlen Veranstaltungsraum statt. Da die Treffen un­ver­­­bind­lich sind, kann die Teilnehmerzahl sehr stark schwan­­ken. Heute nehmen im Ganzen drei Männer und drei Frau­­­en teil – alle Anfang, Mitte Zwanzig. Eine Frau gibt sich an­ge­nehm über­rascht: „Endlich wieder ein Mann als Mo­­­dell! Männer haben wir selten.“ Ein braunes Sofa, mit dem ich mich erst einmal anfreunden muss (weil ich an­dau­ernd einsinke), dient als Podest. Zwi­schendurch platzen ver­se­hentlich junge Leu­te he­­r­ein, die an einer Versammlung im Nebenraum teil­nahmen. Die Zei­chenrunde ist angenehm; al­ler­dings küh­le ich aus und bin froh, als ich mich wieder an­­zie­hen kann. 

 

 

Weil am Rhein, 26. April 2013 - Öffentlich

 

Kesselhaus. Aktzeichnen und -modellieren. Doch et­­­­­was ist anders: Die heutige Sit­­­zung fin­det im Rahmen der Ate­­­­­­li­er­­nacht statt. Sämtliche Kunst­­ate­liers präsentieren sich; ei­nige bieten Ak­ti­onen an. In Pauls Kurs dürfen Besucher den Teil­neh­mern bei ih­rer Ar­beit zu­schau­­­­en. Selten sind Aktmodelle bereit, sich dafür zur Verfügung zu stellen. Ich wage es.

 

Drau­ßen – im Gang, an der Tür – kle­­ben Zettel, die auf den Kurs auf­­merk­sam ma­chen, zum Zuschauen auffordern. Si­cher wird daher die Neu­­gier­de groß sein. Hinzu kommt, dass die Ateliertür sperr­­an­gel­weit offen steht: Auch vom Gang aus sieht man etwas. Als es endlich losgeht, ver­schwin­­­­­­det erstaunlicherweise die Anspannung, und plötz­lich s­e­­­he ich alles ganz locker. Viel­leicht auch deswegen, weil ich, lie­gend hin­­gestreckt, mei­nen Betrachtern erst ein­mal das Hinterteil zuwende. Als ich gedreht werde, habe ich mich an die Situation gewöhnt. Immer wieder tre­ten Be­su­cher ein. Manche haben auch Kinder da­bei. Ein kleines blon­des Töch­­terchen grinst mich verlegen-neu­­gie­­­rig an. Ein paar Leu­te – Be­kannte der An­wesenden – rich­­­­ten sich län­ger ein. Zwei jun­ge Müt­­ter stillen den kürz­lich geborenen Nach­­wuchs. Ein Mann bringt uns Es­­sen mit, wäh­­­rend ein an­­de­rer, den ich vom Akt­zeich­nen kenne, ei­­ne Rot­­­wein­fla­sche spen­det. Eine der Teil­­neh­me­rinnen, kaum äl­­ter als 20, teilt flap­sige Sprü­che aus. Häufig ist sie die Ein­­zige, welche noch konzentriert arbeitet, während die anderen sich unter­hal­­ten. Leider ist Paul ziemlich hin­fäl­lig; scha­de auch, dass ins­­­ge­samt we­nig Andrang herrscht. Eine Da­me gibt sich eher zag­haft als Zeitungsreporterin zu er­ken­­nen. Wäh­­­rend ich aus­gestreckt da­liege, plau­dern wir. Anschließend fotogra­fiert sie mich: an­onym von der Rück­sei­te, ohne Ge­­­sicht. „Na, das ist doch mal etwas“, feixt die jun­­ge Frau, die als ein­zige zei­ch­­net, „ein nackter Arsch in der Ba­­­­­di­­schen Zei­tung!“

 

Interessant ist, wie mit der Routine, welche im Lauf der Mo­­dell-„Karriere“ entstanden ist, jegliches Schamge­fühl ver­­­schwindet. Die [natürliche oder uns künstlich an­er­zo­ge­ne?] Reaktion, sich als Nackter beim Zusammentreffen mit Be­­­­klei­deten zu bedecken oder schamhaft wegzudre­hen, ist mir ganz abhandengekommen. Es bereitete nicht die ge­rings­­ten Probleme, mich von den Leuten be­trach­ten und von der Zeitungsfrau vollkommen unbedeckt interviewen zu las­sen.

 

 

 23. Januar 2013 - Auf Fotos verewigt

 

Joachim sendet mir Schnappschüsse des letzten Akt­­­zeichenabends. Ich hatte ihn um diese Fotos gebeten, da­­­­mit meine Frau einen Eindruck bekommt, wie es bei sol­chen Sitzungen ei­gentlich zugeht – und weil sie mich gern „in Ak­tion“ sehen woll­te.

 

 

Weil am Rhein, 28. November 2012 – Nackt auf der Drehscheibe

 

Kulturzentrum Kesselhaus. Im Atelier Nr. 20 lebt und arbeitet Paul, der ein Original ist: 82-jährig und weiß­bär­­­­tig; ein gebürtiger Franzose. Er nähert sich mir am Rol­la­tor, hat Probleme mit dem Kreuz. Einen Großteil des Tages ver­­­bringt er in der hauseigenen Kneipe, wo er raucht, Zei­tung liest und Pastis trinkt. Sein Atelier ist voll­gestopft mit Bil­­­dern, Skulpturen und Werkzeugen, allerlei Kleinkram; auch zahlreichen Uhren, von denen jede eine andere Uhrzeit an­zeigt. In einer Ecke stehen ein Bett und ein Nacht­­­tisch, auf welchem sich Döschen und Tütchen mit Me­dikamenten und Bonbons stapeln. In einer anderen gibt’s ei­ne Kochni­sche. Toi­­lette und Dusche befinden sich drau­ßen, irgendwo in den Räum­­lichkeiten dieser einstigen Sei­den­stoffweberei. Die In­nen­seite der Ate­liertür ist mit Zet­tel­chen gespickt, die Paul je nach Be­darf außen anklebt: „Bin in der Dusche“, „Bin in der Wirtschaft“, „Bin einkaufen“, „Kom­me gleich wie­der“. In­mitten der Zettel hängt eine Patientenverfügung. Pauls Mitbewohner ist ein – eben­falls alter und kränkli­cher – Kater.

 

Paul gibt Modellierkurse. Die Gruppe besteht heute ledig­lich aus einem Mann und einer Frau. Da ich etwas von Bild­hau­­­erei gehört hatte, rechnete ich mit Steinblöcken, Häm­mern und Meißeln. Stattdessen wird aber in Ton modelliert, und am Ende kommt eine kleine Figur heraus. Meine Pose wird immer dieselbe sein, freilich mit Pausen. Auch an den nächs­ten Terminen werde ich sie wieder einnehmen müs­­­sen – sie sollte bequem sein. Mein Platz ist ein Tisch, auf dem ei­ne drehbare Platte postiert wird. Vorsichtig zieht Paul sein knall­buntes Oberbett von der Matratze herunter: Dort döst noch das Haustier. Das Oberbett, um meine eige­ne Decke er­gänzt, wird meine Unterlage sein. Paul schenkt uns Rot­wein aus. Die Heizung läuft auf vollen Touren, so­dass es sehr warm ist. Die Künstler arbeiten ste­hend an einem Sta­tiv, welches oben mit einer Holzplatte ab­schließt, die ebenfalls drehbar ist und die Skulp­tur trägt. Wäh­rend die bei­den am feuchten Ton ­kne­ten, sitzt Paul meist schweigend auf dem Bett. Ab und zu prüft er die Ela­bo­rate und gibt ein paar Hin­weise. Seine Katze macht es sich zwischendurch in mei­ner Sporttasche ge­müt­lich. Dann muss sie das Katzenklo auf­­suchen, scharrt in der grau­en Streu und erledigt ihr Ge­schäft. Als Gerüche sich aus­brei­ten, hebt Paul mit einer langstieligen Schaufel die Hinterlassenschaft auf und ent­sorgt sie. Die konzentriert an ih­­ren Miniatur-Andrés For­men­­­­den drehen mich manch­mal um 90 Grad weiter. Das bringt etwas Abwechslung: Je nach­dem, wie ich positioniert bin, kann ich die Fortschritte an den Figuren beobachten – oder die Gegenstände und Bil­der be­trachten, die das Atelier fül­­len. Da wir nicht die richti­gen Uh­ren im Blick haben, glau­­ben wir um eine halbe Stun­­de verfrüht, dass die Sitzung be­­endet sei. Aber der Irr­tum fliegt auf; wiederum muss ich Platz nehmen. Schließlich wird’s an­stren­gend, trotz weicher Decken. Die letzten 30 Minuten dehnen sich endlos. Dann bin ich erlöst.

 

 

Lörrach, 29. Oktober 2012 - Anatomische Studien

 

Abends in Elenas Kunst­­­­schu­le. Nicht so sehr Akt­zeich­­nen, mehr ana­to­mi­sche Studien: Ich stehe zunächst ker­zen­ge­­ra­de frontal vor der (ausschließlich weiblichen) Grup­­pe und muss meine Arme seit­­­­­­lich herabhängen lassen. Spä­ter das Glei­che von hinten sowie von der Seite. Als Ho­no­rar gibt es eines der Bil­der, die Ele­na im VHS-Kurs von mir ge­­mal­t hat. Ich will es in unserem Schlafzimmer auf­hängen.

 

Gespräch über Unterschiede beim Mo­dell­­­­ste­hen zwischen Frau­­en und Männern. Laut Elena können Männer ihre Po­sen länger und ruhiger halten, weil sie mehr Ausdauer be­sä­ßen und robuster seien, also zum Beispiel weniger frören. Auch scheinen Frauen ein stärkeres Schamgefühl aufzuwei­sen: Einer nackten Frau ist es un­an­ge­nehmer, von frem­­den Män­­­nern betrachtet zu wer­den, als umgekehrt [eigentlich merk­würdig, da doch die Frauen das „schö­ne Ge­schlecht“ sind und im Gegensatz zu uns Män­nern nicht mit un­ge­woll­ten, gut sichtbaren Körperreaktionen rechnen müs­­­sen.] Schluss­end­lich unterscheiden sich die Posen, wie ja Män­­ner und Frau­en auch sonst in Bewegung und Hal­tun­g verschieden sind.

 

 

Lörrach, 24. September 2012 – Saisonauftakt

 

Die neuen Zeichenkurse beginnen. Den Anfang macht heute die Volkshochschule Lörrach, mit der ich bis­­­lang noch nicht arbeitete. Die Dozentin, selbst Künst­le­rin, stammt aus Sevilla und ist Anfang 50. Erstmals  hat sie im Früh­jahr einen Akt­zei­chen­­­­kurs hier geleitet. Wir standen seit­dem in Kon­takt; leider hatte sie damals bereits ein Mo­dell. Vor ein paar Tagen noch sah es sehr frag­lich aus, ob der Kurs stattfinden würde. Nun sind sie­ben Leute zusammen, von denen sich heute sechs einfinden (drei Frauen, drei Männer). Zwei Teilnehmer kenne ich schon: einen aus dem Kurs in Weil, und die andere ist Elena, die selbst eine Kunstschule leitet und bei der ich bislang nur aus dem einen Grun­d noch nie posiert habe, weil sich für ihre Kurse zu we­ni­ge Kunstfreunde anmeldeten. Dass sie Pro­fi ist, wird an den Bildern schnell deutlich: Da stimmt ein­­fach alles, und ich bin bestens zu erkennen.

 

 

Staufen, 6. Mai 2012 – Ein Vormittag im Atelier

 

Vormittags stehe ich im Atelier eines Künstlers für ei­­­ne achtköpfige Gruppe Modell. Die Zusammensetzung ist ty­­pisch: Sämtliche Teilnehmer sind mindestens weit über 40 – und bis auf einen alle weiblich. Die Maltreffen finden hier ein­mal im Mo­­nat statt; aber mit Aktmalen hat sich die Grup­­pe noch niemals beschäftigt. So sorgt meine (ihr durch den Künstler im Vorfeld verschwiegene) Anwesenheit für will­­kom­­mene Abwechs­lung. Das Ate­lier be­fin­det sich in ei­­nem Hin­ter­hof in Staufens Altstadt. Möbel, Fuß­bo­den und Staf­­­fe­lei­en sind mit Farbklecksen ge­spren­kelt. Der Künst­­ler wirft mich ins kalte Wasser: Kaum habe ich mich von dem Bademan­tel getrennt, muss ich mich vis à vis vor die Herrschaf­ten hinstellen, dass meine ganze Pracht unverdeckt sicht­bar ist. [Eigentlich starte ich lieber mit sitzenden oder auch hockenden Posen zum „Warmwerden“, ehe ich mich, mit dem Umfeld vertrauter geworden, mehr öffne.] Aus ei­­ner Tasse ein heißes Getränk schlür­­­fend, wu­­selt der Meis­­­ter um­­­her und gibt Tipps bei ka­­ri­bischen Klängen. Die Da­­men ha­­ben ih­ren Spaß; einige greifen sogar in den Pausen zum Stift und skiz­zieren mich, während ich war­­tend he­r­­­­um­­­­­sit­ze. 

 

 

Freiburg 18. April 2012 – Nackt vor der Schulklasse

 

Mittwoch. Am Eingang des Berthold-Gymnasiums, wo ich mich wartenderweise postiert habe, liest mich nach ein paar Mi­nuten der Kunst-Lehrer auf. Wir steigen hi­n­ab in den Kel­ler, in dem sich der Kursraum befindet. Wäh­rend ich mich in ei­nem stau­bi­gen Nebenzimmer bereitma­che, treffen die Schü­­ler ein. Da bis auf zwei von ihnen noch niemand mit Le­­bend-Modellen gearbeitet hat, ist die Situation für die Grup­­pe erkennbar neu und un­ge­­wohnt. Scheu und zurück­hal­­­tend harren vor al­lem die Mädc­hen der Dinge, die kom­men. Sie blicken mich et­was verstohlen an, wäh­rend ich noch im Bademantel herum­stehe und darauf warte, dass mir der Lehrer das Startzeichen gibt. Dieser stellt mich kurz vor, gibt er­läuternde Hinweise. Ne­ben mir auf dem Bo­den, mit De­c­­ken gepolstert, liegt eine Pa­­lette. Das heu­ti­ge Akt­zeich­­nen ist als ein krönender Abschluss ge­dacht: Denn so­eben erst haben die jungen Leute die Prü­­­fun­­gen fürs Abi­­tur ab­­­sol­­­viert.

 

Schließlich ist es so weit. Ich schiebe mir einen Stuhl an die Wand, lege ab, um im nächsten Mo­ment völ­­lig nackt vor zwei Jungs und sieben Mädchen zu ste­hen, die halb so alt sind wie ich selbst. Freilich war mir von Anfang an klar, dass die At­mosphäre verschieden sein wür­de von der in den Volkshochschul­kur­­sen. Fest rech­­ne­te ich mit errötenden Köp­­­fen, Ge­­­tuschel, Gekicher, ver­stoh­lenen Blicken. Nun ist es aber halb so schlimm – dies wohl auch des­we­gen, weil zu­­min­dest am Anfang das Ungewohnte der Si­tuation über­mäch­­tig er­scheint. Eine Mischung aus Neu­gier­de, Unsi­cher­­­­heit und auch Scham lässt sich wahrneh­men. Aber zugleich ge­­hen al­le kon­zentriert an ihre Ar­beit. Es gibt vier, fünf Posen, und dann ist die Kunstdoppelstunde zu En­de. Die Zeich­­nun­gen sind sehr gelungen. Ich denke: Für die bin ich ein al­ter Kerl.

 

 

Weil am Rhein, 22. März 2012

 

Donnerstag. Heute Porträtzeichnen. An einem Tisch sit­zend, bewege ich 90 Minuten lang weder den Kopf noch die Au­gen. Im Gegensatz zu den Aktposen gibt es hier keinerlei Va­riationen. Leider bringt das Por­trät­zeich­nen weniger ein als das Aktzeichnen. Dennoch werde ich in einer Woche noch einmal Modell sitzen. – Als es zu En­de ist, taucht jene Frau auf, die heute den Akt­kurs absol­viert. Sie ist ungefähr En­de 30 bis 40 und macht das schon seit sieben Jahren. Als ich ihr und der Dozentin erzähle, dass mich inzwischen ver­schie­­dene Kunst- und Volkshoch­schu­­­len auf ihre Listen ge­setzt haben, erwidert Ulrika fast ei­fer­süchtig: „Aber ich bin zu­­­erst dran!“

 

Weil am Rhein, 1. März 2012 – Mein erstes Mal

 

Das Stapflehus ist ein Amtshaus aus dem 16. Jahr­­hundert. Es dient als Museum und Kunstgalerie. Zö­gernd trete ich über die Tür­schwel­le. Noch kann ich um­keh­ren, denke ich. Aber das stimmt nicht: Ich habe fest zu­ge­sagt. Was, wenn ich heu­te Bekannten begegne – vielleicht ei­ner süffisant grinsenden Arbeitskollegin? Geschähe mir recht!

 

Ich bin 20 Minuten zu früh. Eine steinerne Wen­del­­trep­­­­pe führt mich hinauf in den Kursraum, der unter dem Dach liegt. Im Treppenhaus treffe ich auf die Dozentin. Ul­ri­ka hat schon einen Kurs in Porträtzeichnen hinter sich. Nun geht sie kurz vor die Tür, um zu rauchen. Ich suche inzwischen den Kursraum auf. Er ist stark überheizt, und ich werde nicht frieren. Da ich mich nicht vor versammelter Mann­schaft entblättern will, tue ich das bereits jetzt, während ich ganz allein bin. Ein Stuhl an der Seite dient mir als Gar­de­ro­be. Ich spüre den Holzboden unter den Füßen, schlüpfe in Ba­demantel und Flip-Flops und warte. Bald treten drei un­ge­fähr 50-jährige Herren ein, die mich begrüßen. Sie sind schon seit Jahren dabei und längst ein eingespieltes Team. Nun grup­pie­­ren sie Stühle um, tragen ein flaches Podest he­r­ein, klap­pen es auseinander und stellen es ungefähr in der Raum­-Mit­te auf. Ich begreife: Die Zeichnenden wer­den mich von al­len Seiten zugleich ins Visier nehmen. Hin­­fäl­lig al­­so mein Vorhaben, erst einmal allen die Kehr­sei­te zu prä­sen­­tie­ren und das Allermännlichste vorzuenthalten. Nun le­gen sie Matten aus, während Ulrika vom Rau­chen zu­rück­kehrt. Als­bald folgt ein bärtiger junger Mann, wohl Student noch. Ich breite die Plüschdecke, welche ich mit­brachte, über die Mat­ten. Zu guter Letzt treten noch eine al­te und ei­ne sehr jun­ge Frau in den Raum. Sorgenvoll spähe ich: Je­mand Be­kann­tes? Nein, Glück gehabt! Eine weitere Frau, wel­che noch auf der Lis­te steht, ist heute offenbar ver­hin­dert. So sind wir ins­ge­samt zu acht. – Mehrmals haben Ul­ri­ka und ich vorab te­le­fo­niert. Ge­nau wollte ich wis­sen, was mich hier erwarte. Ul­ri­ka, die solche Kurse seit Jahren be­treut, räum­­te alle Be­den­ken aus und überzeugte mich. Selbst das „Män­ner-Pro­b­­lem“ ist kein Hinderungsgrund mehr. „Da­nach fragen alle“, erklärte Ulrika. „Am Ende pas­siert aber nichts, weil man sich viel zu sehr kon­zen­­trie­ren muss we­gen der Po­sen.“ Dass ihr nun ein Mann zur Verfügung steht, freut sie: Die meis­ten Mo­del­le sind offenbar weiblich. – Im Üb­rigen hätte der Kurs we­gen Mangels an Teil­neh­mern aus­fal­len kön­nen. Verschiedene frü­he­re Anläufe mei­ner­seits schei­terten da­ran. Deshalb kommt es heute erst zu der Pre­mi­e­re.

 

Als sich alle postiert haben, gibt mir Ulrika in Zei­chen. Ich strei­­­fe die Flip-Flops ab. Und meine Brille. Die hät­te ich auf­lassen kön­nen; ich finde jedoch, es ist besser, wenn ich nicht viel se­he: Das bringt mehr Distanz zwischen mich und die ande­ren, macht es mir leichter. Was um mich herum ge­schieht, verschwimmt ab jetzt im Ungefähren. Ich gebe mir ei­nen Ruck, und dann ist auch der Ba­de­man­tel herunter. Bis auf mei­nen Ehering vollkommen nackt tap­pe ich zum Prä­sen­tier­tel­ler. Ulrika hat mir schon er­­klärt, wie wir starten: Zu­erst ste­hen sehr kurze Posen an. Al­le 30 Sekunden ver­än­de­re ich meine Haltung, dies ins­ge­samt ungefähr sieben, acht Mal. Um nicht unbeholfen zu wir­ken, habe ich in den vergan­ge­nen Wo­­chen geübt, vor dem Fernseher abends. Nun sit­ze und ho­cke und knie ich, während ich Sekunden zäh­le. Bald bin ich der Läufer in Start­position, bald der Kau­ernde, bald der antike Diskus- und Speerwerfer, wäh­rend die Blei­stif­te übers Papier krat­zen. Manchmal versuche ich, so zu posieren, dass ich be­stimm­te Par­tien verdecke. Nicht immer gelingt das. Als nächs­tes sind längere Posen gefragt, und ich muss für 10, 15 Mi­nuten in der einmal ein­ge­nommenen Haltung ver­harren.


Indem mich die Schein­­wer­­fer anleuchten, komme ich mir noch viel nack­ter vor. Ich vergleiche die Situa­tion mit Sau­na und Bag­­­gersee. Das hier ist anders: Hier bin ich der ein­zige Nack­­te inmitten Be­klei­­deter, welche mich außerdem stän­­dig fi­­xieren. Und den­noch gelingt es mir, mich beinah wie in der Sauna zu füh­len: Da hocke ich auf mei­ner Decke und hö­­re ge­dämpfte Ge­spräche im Hinter­grund. Ulrika streicht um die Zeichner he­rum und gibt tech­ni­sche Hinweise. Da ich oft mit ver­dreh­tem Oberkörper po­sie­re, beginnt es nach ei­­­­niger Zeit meis­tens in der Nacken-Schulter-Gegend zu zie­­hen. Gele­gent­lich rinnen mir Schweiß­perlen über den Rü­­cken. Ul­ri­ka be­merkt das, weshalb sie die Lage des Strah­­lers verändert. Im Gegensatz zu meinen Befürchtungen ge­ht die Posierzeit recht zügig herum. Und dann gibt mir die Pause für kurze Zeit mei­ne Be­wegungsfreiheit zu­rück. Ich klettere von dem Po­­dest, deh­ne, strecke mich und ver­krie­­che mich in meinen Ba­­de­man­tel, wenn­gleich das jetzt ei­­gentlich albern ist, weil oh­nehin je­der alles gesehen hat. Au­­ßerdem schaue ich Zeich­­nungen an. Die meisten der Teilnehmer haben Erfah­rung; nur die junge Frau ist ein Neu­­­ling wie ich. Sie fragt, ob es schwie­­rig sei, Posen zu hal­­­ten. Interessant ist, dass, wie ich im Internet las, sich man­­che Künst­ler beim Akt­zeich­nen genieren: Nicht nur auf Mo­­­­dell­seite kann es ein Scham­gefühl geben. Es sei gar nicht selten, dass zeichnende Neu­linge sich damit schwer­täten, nack­te Modelle anzu­star­ren – zumal wenn es sich um das an­dere Geschlecht handle. Au­ßerdem fürchten die Künst­­­ler, dass ihnen das Werk nicht ge­lungen sein könnte. Die jun­ge Frau sagt, sie habe sich Aktzeichnen ein­fa­cher vor­­­gestellt.

 

Im zweiten Teil habe ich nur noch zwei Posen. Ich mache es mir so bequem wie nur möglich, damit wir nicht vorzeitig ab­­­­­brechen müssen. Erneut scheine ich meine Sache ganz gut zu erledigen. Während ich mich nicht bewegen darf, re­flek­­tiere ich meine Situation. Diese Zeichner entmenschlichen mich, degradieren mich zu einem Gegenstand. Heute Abend bin ich nur ein männlicher Körper. Al­lein dieser Kör­­­­per ist hier von Interesse – und daher das Einzige, das ich hier preisgebe. Ich gewöhne mich mehr und mehr an mei­­­­ne Lage und finde mich mit der Zurschaustellung ab. Nackt­­­­heit, sage ich mir, ist natürlich, und ich bin nur einer von weit über drei Milliarden auf diesem Planeten befindli­chen Männern, die, jedenfalls ihrem Grundprinzip nach, doch alle gleich beschaffen sind. Der Anblick eines nackten Man­­­­nes ist für diese Künstler nichts Spektakuläres. Und ei­gent­­­lich ist meine Nacktheit nichts anderes als eine Ar­beits­be­­­kleidung: Kostüm, das ich für diese Rol­­­le, die ich hier ver­körpere, angelegt habe. Auf einmal ge­­nieße ich al­les. Weswegen mich schämen? Hat mich die Na­­tur nicht ganz ordentlich hingekriegt? Auflachen möchte ich bei dem Ge­danken, dass ich hier fürs Nacktsein bezahlt wer­­de. Und: Ist nicht alles eine Frage der Perspektive? Bin ich nicht der Held dieses Abends, bin ich nicht die unverzicht­­bare Hauptfigur?

 

Auch die zwei längeren Posen bestehe ich bestens. Die Grup­­­pe ist mit meiner Arbeit zufrieden. Vor allem Ulrika gibt sich begeistert; sie fragt, ob es kommenden Don­nerstag auch wieder passe. Dann drückt sie mir mein Honorar in die Hand: 30 Euro für zwei Stunden. Ich ziehe mich an, packe al­­les zusammen. Nun weiß ich, was mich in der Akt­zei­chen­stunde erwartet. Das „Männer-Pro­blem“ und die süf­fi­sant grin­sen­de Ar­beits­­kol­legin blieben mir zum Glück er­­spart.

 

 

Filmrolle Aktmodell

Gelegentlich schlüpfen Filmstars in Adams- und Evakostüme und machen auf Aktmodell. Der Hauptunterschied zu den echten Modellen: Es schauen mehr Leute zu!

 

 

 

 

 

 

 

Einer meiner Lieblingsfilme: La Belle Noiseuse (Die schöne Querulantin, Frankreich 1991) mit Michel Piccoli und Emmanuelle Béart - wahrlich ein  Augenschmaus! Drei Videos gibt es unter Links

Markus Meyer und Tina Ruland in Vier Küsse und eine E-Mail (Deutschland 2002). Welcher Mann stünde bei dieser Künstlerin nicht gern Modell!

 

 

 

 

Leonor Varela in Les Infortunes de la Beauté (Frankreich 1999) - ein Video gibt es unter Links

 

 

 

 

 

 

Jürgen Vogel landet in Kleine Haie (Deutschland 1992) als Aktmodell vor Studenten.

 

 

 

 

 

Laura Linney in Maze (USA 2000) - auch hierzu gibt es ein Video.

 

 

 

 

 

Valentina Cervi und Yann Trégouët in Artemisia - Schule der Sinnlichkeit (Frankreich/Deutschland/ Italien 1997)

 

Diese Szene kennt wohl jeder: Kate Winslet nackig in Titanic (USA 1997) - natürlich habe ich auch das entsprechende Video eingestellt.

 

 

Marco Dapper zeigt seinen Astralkörper in Eating Out 2 (USA 2006) - siehe auch das Video unter Links.

 

 

 

 

 

 

Valérie Kaprisky tanzt in Andrzej Zulawskis Skandalstreifen Die öffentliche Frau (Frankreich 1984) nackt für einen Fotografen - Video habe ich eingestellt.